Warum nicht einfach Loire-Wein?

Wer Loire-Wein trinken möchte, muss schon die Namen einiger Ursprungsgebiete kennen. Denn das Wort Loire findet sich auf den allerwenigsten Etiketten.

Loire-Wein Pouilly-Fumé
Pouilly-sur-Loire, namensgebendes Städtchen des Pouilly-Fumé.

Inwiefern unterscheidet sich denn geschmacklich Loire-Wein aus Pouilly und Sancerre?, fragen wir in der „Tour du Pouilly-Fumé“, einer schönen Repräsentanz der Winzer aus dem Anbaugebiet. „Nun“, antwortet die Dame und lächelt, „man sagt, die Weine aus Pouilly-Fumé seien etwas runder als die aus Sancerre.“ Sancerre, wohl bemerkt, liegt auf der anderen Seite der Loire, vielleicht noch ein paar Kilometer weiter flussabwärts. In beiden Appellationen wird überwiegend Sauvignon Blanc angebaut. Immer mal wieder wird als Unterscheidungsmerkmal auch der Feuerstein genannt, für den die Böden in Pouilly bekannt seien. Der Blick auf die schöne Karte, die in der „Tour du Pouilly-Fumé“ (siehe dazu auch Wo geht’s hier zum Weinprobierzentrum?) erhältlich ist, zeigt allerdings, dass sich nur in wenigen Lagen Silex, also Feuerstein, im Boden befindet. Und in Sancerre gibt es durchaus auch hier und da Feuerstein-Vorkommen.

Sauvignon Blanc von links und rechts des Flusses
Loire-Wein Tabordet Pouilly-Fumé Sancerre
Machen Wein hüben und drüben: Loire-Weingut Tabordet.

„Ganz ehrlich: Den Unterschied zwischen Pouilly und Sancerre herauszuschmecken ist sehr sehr schwierig“, bekennt schulterzuckend Marius Tabordet, Winzer im gleichnamigen Weingut. Die Tabordets haben – wie viele Winzer – Lagen hüben und drüben, machen also Loire-Wein mit den Bezeichnungen Pouilly-Fumé und Sancerre, wobei sich ihr Weingut in letzterer Appellation befindet. Kein Wein ist wie der andere, jede Lage hat ihre Besonderheiten. Aber fallen gerade die für die Gegend berühmten Sauvignon Blancs grundverschieden aus, sind mithin beide Anbaugebiete total unterschiedlich? Wohl kaum. Und obwohl beide einen sehr guten Ruf haben, würde wohl kein Franzose auf die Idee kommen, diese zusammenlegen zu wollen.

Ein Vouvray muss vor Ort gekeltert werden
Loire Wein Vielzahl Geschützte Ursprungsgebiete
Es gibt nur eine Loire. Oder etwa nicht?

In Vouvray bei Tours geht man noch einen Schritt weiter. „Den Wein aus den Trauben, die ich in der Appellation Vouvray stehen habe, darf ich nicht Vouvray nennen, weil die Vergärung hier in meinem Weingut in der Appellation Montlouis-sur-Loire stattfindet“, sagt François Chidaine vom gleichnamigen Weingut. Montlouis liegt ein paar Kilometer weiter flussaufwärts gelegen. Als Montlouis kann das Ergebnis, etwa der 2016er Baudoin – ein charmanter Loire-Wein aus Chenin Blanc mit Noten von weißem Pfirsich, Limette und süßem Gewürz –, aber auch nicht vermarktet werden. Ebensowenig der als „Moelleux“, mit 25 Gramm Restzucker ausgebaute Chenin mit den für Vouvray typischen jodig-salzigen Komponenten. Also steht „Vin de France“ auf den Etiketten, was formal der niedrigsten Stufe im Weinrecht entspricht, obwohl beide Weine um die 30 Euro kosten. Es ist sicher nachvollziehbar, dass ein Geschütztes Ursprungsgebiet (siehe dazu auch Geschützte Ursprungsbezeichnung: Wer hat’s erfunden?) die Kontrolle über die mit seinem guten Namen versehenen Produkte behalten will. Für den Verbraucher, der nicht über die Hintergründe und nur über das Etikett als Entscheidungsgrundlage verfügt, ist das Ganze natürlich schwierig.

Sauvignon Blanc: nicht in Montlouis-sur-Loire
Loire-Wein Appellationen
Wo simmer denn hier? Ein Weingut, mehrere Appellationen.

Sauvignon Blanc, die Paraderebsorte in Pouilly-Fumé und Sancerre, ist in Montlouis gar nicht gelitten. François Chidaine keltert zwar welchen, aber das Ganze als Montlouis AOC vermarkten darf er auch hier nicht. Stattdessen kann dann Touraine, also die Gegend um Tours, auf dem Etikett stehen: ebenfalls ein Geschütztes Ursprungsgebiet, aber deutlich größer und mit anderen Regeln (siehe dazu auch Frankreich, schwierig Rebenland). Der 2017er scheint aus recht reifen Trauben gekeltert zu sein und weist Aromen von weiß-gelben Früchten auf. Am Gaumen ist er aber zurückhaltend und verfügt über Mineralität und Frische. Grüne Noten will François vermeiden, das ist ihm gelungen.

Der Deutsche liebt den Crémant
Loire-Wein bouvet-ladubay gustave eiffel
Gustave Eiffel hat nicht nur einen Turm in Paris erbaut, sondern auch das Gebäude von Bouvet-Ladubay.

Die einen dürfen Vouvray auf keinen Fall, die anderen wollen Saumur nicht unbedingt auf das Etikett schreiben. Und nicht, weil Saumur keine guten Weine hervorbrächte. „Saumur AOC auf einer Flasche Schaumwein sagt vielen Verbrauchern nichts“, sagt Juliette Monmousseau von der Sektkellerei Bouvet-Ladubay in Saumur mit Blick auf den deutschen Markt. „Daher verkaufen wir in Deutschland fast nur Crémant de Loire.“ Das ist nichts Schlechtes, aber Saumur steht für ein kleineres Herkunftsgebiet. Der 2015er Saphir brut aus dem Hause Bouvet-Ladubay etwa ist ein Saumur mit feinem Mousseux, Aromen von zart hefigem Brioche sowie gelben Früchten, ganz leicht balsamischen Noten und viel mineralischer Frische für rund zehn Euro, den man aber in Deutschland suchen muss. Crémant de Loire ist ein generisches Geschütztes Ursprungsgebiet, das sich mit einigen geographischen Geschützten Ursprungsgebieten überschneidet. Die Trauben dürfen also aus der Gegend von Saumur, aber auch der westlichen oder östlichen Touraine stammen. In etwa 300 Gemeinden entlang des Flusses kann Crémant de Loire hergestellt werden. Nun, es stimmt wohl, dass in Deutschland als weitere gut klingende Schaumweinkategorie unter Champagner sich der Crémant einen Namen gemacht hat – obwohl der Name Crémant an sich, ohne weitere geographische Herkunft, nicht einmal geschützt ist.

Ein Vouvray ist kein Crémant
Loire-Wein Clos Naudin Philippe Foreau
Außen pfui, innen hui: Keller von Clos Naudin in Vouvray.

Das Wort Crémant kommt bei Philippe Foreau von Le Clos Naudin gar nicht gut an. Als er über seine „Vins effervescents“ spricht, fragen wir, um diesen Ausdruck für Schaumwein nicht zu wiederholen, ob in seinem „Crémant“ ausschließlich Chenin Blanc verwendet werde. Crémant werde in der Appellation Crémant de Loire Contrôlée gekeltert, er dagegen mache nur Vouvray, gibt er kühl zurück. Ah so, und wie war nochmal die Rebsorte? Chenin Blanc! Das hätte man natürlich wissen können, dass nur diese für einen Vouvray zugelassen ist, aber gut. Wenn man in den faszinierenden, in den Stein geschlagenen Keller von Clos Naudin eintaucht – was man angesichts des ergrauten Eingangsgebäudes niemals gedacht hätte – und einige Chenin-Gewächse probiert, versteht man sehr schnell, dass Philippe Foreau sein ganzes Winzerleben dieser Rebsorte gewidmet hat. Das allerdings in allen Spielarten: Crémant, pardon, „Vin effervescent de Vouvray“, trockenen Weißwein, halbtrockenen, Süßwein. Eine kleine Appellation, eine Rebsorte, aber unglaubliche Unterschiede.

Loire-Wein und Normandie-Käse?
Loire Wein Ufer
Für ihn ist es einfach nur die Loire. Der Weintrinker sieht das differenzierter.

Das französische Bezeichnungssystem ist weder einfach noch durchgängig logisch. Und das hat ja auch keiner behauptet. Blöde Fragen helfen mitunter durchaus weiter. Umso mehr freut man sich hinterher, wieder etwas gelernt zu haben. Aber könnte man nicht auch einfach ein großes Anbaugebiet schaffen, so wie die Pfalz oder Rheinhessen? Das könnte dann einfach Loire heißen, punktum! Und wer sich für partout für Untergebiete oder Gemeinden interessierte, könnte ja immer noch in die Tiefe gehen! Es ist müßig darüber nachzudenken, denn dazu wird es in Frankreich niemals kommen. Überhaupt finden es die Franzosen unglaublich, dass es in Deutschland nur 13 Geschützte Ursprungsgebiete für Wein gibt, während es links des Rheins etwa 400 sind. Loire-Wein statt Sancerre oder Vouvray? Das wäre ja wie Normandie-Käse statt Camembert oder Pont-l’Evêque. Das will, nicht nur in Frankreich, niemand und das ist letztendlich auch gut so. So komplex und irreführend das System oftmals wirkt, unsere westlichen Nachbarn legten und legen eben großen Wert auf die Frage, woher ein Nahrungs- oder Genussmittel stammt. Und diese Idee erscheint unterm Strich unbedingt unterstützenswert.

Loire Wein Pouilly-Fumé St. Andelain Belvedere
Ein bisschen Überblick braucht man an der Loire: Belvédère in St. Andelain.

Ein Kommentar

  1. Loire ohne Domaine Huet ist nicht vollständig. Da gibt es knochentrockene Präzisions-Spitzen-Vouvrays aus reinem Chenin Blanc zu Spottpreisen, und Süßweine zu Liebhaberpreisen. Dagegen ist ein Chidaine fast nur Mittelmaß…

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