Renaissance der B-Rebsorten

Scheurebe, Müller-Thurgau und Portugieser: Geht da wieder was?

Müller-Thurgau Scheurebe Portugieser Trend
Trends entwickeln sich nach vorne. Was ist als nächstes dran?

Scheurebe, Müller-Thurgau und Portugieser? Richtig, das sind die Rebsorten, vor denen Sie Ihre Eltern immer gewarnt haben. Nachdem auch diese sie sich durchaus haben schmecken lassen, vermutlich, irgendwann. Wer erinnert sich schon gern an vergangene Moden und die damit verbundenen Übertreibungen? Doch bald könnte bei den drei B-Rebsorten wieder was gehen. Wobei die Anzeichen jeweils sehr unterschiedlich sind.

Scheurebe: Neustart nach 100 Jahren
Scheurebe stärkere Nachfrage
Wieder geil? Scheurebe, gezüchtet 1916. (siehe auch Etiketten und Etikette)

Die Scheurebe wird tatsächlich bereits stärker nachgefragt. Noch zum hundertjährigen Jubiläum der Rebsorte im Jahr 2016 klangen viele der erschienenen Artikel eher wie das Pfeifen im Walde. War doch selbst zum Jubeljahr die damit bestockte Rebfläche weiter gefallen, wenn auch nur noch um marginale sieben Hektar im Vergleich zum Vorjahr. Trotzdem war das keine Trendwende, sondern nur eine Abschwächung der Abwärtsbewegung, die in den 20 Jahren davor bereits rund zwei Dritteln der Scheurebe-Flächen den Garaus bereitet hatte. Und jetzt? 29 Prozent der deutschen Weingüter erführen eine gestiegene Nachfrage nach Scheurebe, heißt es in der Konjunkturanalyse für das erste Quartal 2018, herausgegeben von Prof. Simone Loose von der Hochschule Geisenheim und veröffentlicht auf der Internetpräsenz des Deutschen Weininstituts. Bei den Kellereien sind es sogar 89 Prozent, sodass hier wirklich von einer breiten Entwicklung gesprochen werden kann.

Scheurebe gestiegene Nachfrage
Ob darin bald Scheurebe vergoren wird? Die Nachfrage nach der Aromasorte steigt wieder.
Scheu vor der Scheu

Hier und da gab es schon vorher Anzeichen, dass bei der Scheurebe wieder was geht. Aber es wurde immer nur so nebenbei darüber gesprochen. Wie über etwas, das man irgendwie mag, aber nicht an die große Glocke hängen möchte. Etwa, wenn Karoline Gaul bei einer Verkostung von „Generation Pfalz“ im Januar nebenbei erwähnte, dass ihre Schwester Dorothee und sie im Vorjahr „Scheu“ gepflanzt hätten. Warum denn nicht? Scheurebe klingt vielleicht nicht so cool wie Sauvignon Blanc, aber es handelt sich um eine recht ähnliche Bukettrebsorte mit viel (exotischer) Frucht und Spritzigkeit, nur insgesamt vielleicht etwas zurückgenommener.

Müller-Thurgau: Ist der Boden in Sicht?
Müller-Thurgau Einbruch und Renaissance
Müller-Thurgau: Rette sich wer kann oder steht die Renaissance in den Startlöchern?

Zugegeben, wenn man die oben zitierte Untersuchung der Hochschule Geisenheim zugrunde legt, sieht es düster für den Müller-Thurgau aus. Sowohl bei Genossenschaften als auch Kellereien bricht die Nachfrage nach der laut letzter Statistik (siehe Weinstatistik 2017/18) noch zweitwichtigsten weißen Rebsorte in Deutschland kräftig ein, bei den Weingütern rechnen gar 34 Prozent mit sinkendem Kundeninteresse. Der einst als erfolgreichste Weißwein-Neuzüchtung gefeierte Müller-Thurgau, eine Kreuzung aus Riesling und Madeleine Royale,  ist freilich seit einigen Jahren mehr und mehr in Ungnade gefallen. Also wo soll die Renaissance herkommen? Zum einen: Gerade wenn die Ablehnung bei der breiten Käufermasse angekommen ist (denn der Einbruch findet wie erwähnt auch bei Genossenschaften und Kellereien statt), dann spricht einiges dafür, dass der Tiefpunkt des Abschwungs in Sichtweite ist und die ersten sich schon wieder für das Thema interessieren. Zum anderen scheint letzteres bereits jetzt der

Müller-Thurgau braucht gute Lagen
Braucht eben auch gute Lagen und keinen Rübenacker: der Müller-Thurgau.

Fall zu sein. Hier ein paar Kostproben.

Müller-Thurgau: Wird nicht mehr totgeschwiegen

Im „Naturweiß“ des experimentierfreudigen Weinguts Schätzel aus Rheinhessen spielt der Müller-Thurgau eine Rolle. Gut, könnte man meinen, in der Cuvée und beim Ausbau als Naturwein schmeckt man das ohnehin nicht mehr. Aber dennoch: Gerade den Langweiler Müller-Thurgau in den Modewein? Auch das junge Pfälzer Brüderpaar Georg und Stephan Schwedhelm nimmt Müller-Thurgau in seine Cuvée „xBerg“ hinein. Aber Georg Schwedhelm sagt noch etwas anderes: „Wir verkaufen den Müller auch sortenrein ganz gut.“ Ob das die Stammkunden sind, die „den Müller“ eben seit 30 Jahren automatisch nachordern? Der Jungwinzer schüttelt den Kopf: „Die Stammkäufer sind beim Generationswechsel im Weingut so gut wie alle weggebrochen.“ Das macht in der Tat nachdenklich. Also Müller-Thurgau-Fans unter den neu akquirierten Kunden, die sich für die schlanken, modernen Weine des Zellertaler Weinguts interessieren?

gedeckterTisch
Macht auch zu manchen Gemüsegerichten eine gute Figur: Müller-Thurgau.

Frank Glüer, Sommelier im Münchener „EssZimmer“, sagt: „Ich hoffe, dass der Müller-Thurgau wieder aufsteht. Er wird nie die Höhen eines Riesling oder Silvaner erreichen, aber er ist ein schöner Sommerwein, den man jung trinkt. Man muss ihn richtig pflegen und nicht versuchen, großen Wein daraus zu produzieren.“ Was richtige Pflege sein kann, macht Renate Schmitt vom fränkischen Weingut Schmitt’s Kinder an einem Negativbeispiel anschaulich: „Der  Müller-Thurgau wurde zu seinen Hochzeiten auf Rübenäckern gepflanzt.“ Auch sie verzeichnet ein wieder zunehmendes Interesse für die Rebsorte. „Zurecht“, findet Schmitt, „der Müller-Thurgau zeigt feinfruchtige Aromen, hat etwas Nussiges und Florales.“ Da der Name der Rebsorte aber eher abschreckend wirke, müsse man die Leute probieren lassen.

Portugieser: Der nächste Kandidat?
Es ist einsam am Portugieser-Himmel. Wie lange noch?

Beim Portugieser sieht der Saldo von gestiegener und gesunkener Nachfrage in der Untersuchung der Hochschule Geisenheim ebenfalls düster aus: Minus 33 bei den Weingütern, minus 51 gar bei den Genossenschaften. Ob man sich über die plus 2 bei den Kellereien freuen darf, sei dahingestellt. Zugegeben, die Rebsorte ignoriert man meistens. Doch manchmal probiert man dann eben doch etwas. Als bei der VDP-Weinbörse alle Spätburgunder des fränkischen Weinguts Benedikt Baltes verkostet sind, wird noch eine Flasche Portugieser hervorgezaubert, die nicht auf der Liste stand. Und ja, selbst nach den schönen Spätburgundern von Baltes überraschte der „Portugieser R“ positiv, insbesondere durch seine Frische. Vielleicht ignorieren nicht nur viele Weinaffine, sondern auch zu viele Spitzenwinzer die B-Rebsorte? Unterm Tisch verstecken muss man den Portugieser nicht. Nicht, wenn man ihn richtig pflegt!

Ein Kommentar

  1. Sehr interessanter Artikel. Meine Eltern haben nicht viel Wein getrunken, also diese Warnungen kenne ich eher von meinem Weinhändler, aber ich werde da demnächst Mal wieder nachfragen, was er dazu meint, ob wir da doch in ein paar Jahren top Weine vorfinden, die Aufschwung erfahren haben.

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