Champagne: Alles etwas anders

Jahrgangsunterschiede sind unerwünscht. Und die Trauben kauft man bei den anderen.

Champagne Veuve Clicquot Flaschen
Hier steht einiges kopf: Champagnerflaschen von Veuve Clicquot.

2017 sei kein guter Jahrgang gewesen, sagt Lison Blanchemanche vom Champagne-Haus Veuve Clicquot. Was woanders zu Unmut geführt hätte, weil man die Kunden mit einer geringeren Qualität konfrontieren müsste, bedeutet hier jedoch lediglich einen logistischen Mehraufwand: Zu 40 Prozent habe man für das meistverkaufte Produkt des Hauses, den sogenannten Carte Jaune, Reserveweine verwendet. Es ist faszinierend und verstörend gleichzeitig: An die 60 verschiedene Grundweine kommen in diesen Standard-Champagner ohne Jahrgangsbezeichnung.

Champagner Veuve Clicquot Keller Namen
Nach 40 Jahren in den Dienster der Veuve Clicquot wird ein Kellerabteil nach dem Mitarbeiter benannt.

Das Ziel: Der Schaumwein soll immer gleich schmecken. Und damit man auch immer an Weintypen vorrätig hat, was man eventuell mal brauchen kann, da nun mal jeder Jahrgang anders ist, sind einige Reserveweine Jahre, gar Jahrzehnte alt. Sie werden dann herangezogen, wenn man genau diesen einen Wein noch braucht, um die eine Note oder das eine puffernde Element in den Wein zu bringen, das noch fehlt, damit der Geschmackseindruck unterm Strich genauso ausfällt wie letztes Jahr. Und das Jahr zuvor. Und das Jahr zuvor. Natürlich wird in anderen Champagner-Häusern ähnlich verfahren. Der Markt will es offensichtlich so.

Champagner rütteln Giropalette automatisch
Einst und jetzt nebeneinander: Rüttelpult und Giropalette.
Die Trauben der anderen

Anders geht es auch bei der Traubenproduktion zu. Obwohl Veuve Clicquot an die 400 Hektar selbst bewirtschaftet, reicht das lange nicht aus, um die rund 20 Millionen Flaschen zu befüllen, die jedes Jahr verkauft werden. Natürlich gibt es auch andernorts Winzer, die Trauben zukaufen. Aber hier wird ein Mehrfaches der eigenen Produktion zugekauft –gängige Praxis freilich auch in weiteren Champagner-Häusern. Angesichts der Situation in der Champagne, dass die Weinbauern durchschnittlich etwa zwei Hektar bewirtschaften, ist die Anzahl der Zulieferer bei Veuve Clicquot Legion. Wie bei der Vielzahl an Grundweinen muss auch bei den unter Vertrag stehenden Weinbauern der Überblick stets verteidigt werden, hinsichtlich Qualitäten, Mikroterroirs, Besonderheiten. Ebenso gilt es, bei der Lese logistisch höchste Konzentration walten zu lassen. Dass weder alle auf einmal die Trauben an den Kellern abladen noch zu große Lücken entstehen dürfen, ist nur einer von vielen zu berücksichtigenden Punkten.

Champagne Reims Kathedrale Kirchenfenster Weinbau
Der Weinbau ist omnipräsent: Kirchenfenster in Reims.
Kleinstadt mit Prunkmeile

Auch die heimliche Hauptstadt des Champagners, Epernay, ist anders. Hier findet man weder die Pfälzer Gemütlichkeit der dicht beieinanderliegenden Gutshöfe mit ihren Weinstuben noch die weit auseinanderliegenden Châteaux des Bordelais. Die Avenue de Champagne, die sich schnurgerade durch die Stadt zieht, erinnert ein wenig an die Champs-Elysées. Zwar nicht hinsichtlich der Ausmaße, schließlich ist Epernay mit seinen rund 23000 Einwohnern keine Millionenstadt wie Paris. Aber der repräsentative Charakter ist der gleiche: Links und rechts der Avenue reihen sich die „Hôtels“, die Stadtvillen der Champagnerhäuser aneinander.

Avenue de Champagne Epernay
Klotzen, nicht kleckern: An der Avenue de Champagne.

Die Straße ist lang, der Prachtbauten sind viele, und da es keine Schaufenster und wenige Möglichkeiten zum Einkehren gibt, sind hier Fußgänger auch eher rar gesät. Wer eine komfortable Limousine besitzt, findet hier eine Gelegenheit, spazieren zu fahren. Auf der inneren, bepflanzten Fläche des Verkehrskreisels, an der die Avenue zwar immer noch nicht zu Ende ist, erinnert zu allem Überfluss ein übergroßer Champagnerkorken sowie eine ebenso große capsule (zu deutsch: Champagnerdeckel) daran, um welches Produkt sich hier alles dreht. Oder ist auch das Produkt letztendlich nur Repräsentation für einen Lebensstil oder eine Attitüde?

Champagner Epernay Korken capsule
Champagnerkorken und -deckel: Kreisel an der Avenue de Champagne.

 

Tradition und Betoneier

Was ist mit den – zumindest aus deutscher Sicht – unbekannteren Häusern? Mitten in einem Wohngebiet liegt das familiär geführte Champagne-Haus Charles Mignon. Auch Mignon ist ein Zwitterwesen zwischen Weingut und Kellerei, denn die sechs Hektar eigene Rebfläche spielen auch hier keine tragende Rolle für die in großen Stückzahlen gekelterten Weine. Über eine Million Flaschen werden in diesem überschaubar großen Haus pro Jahr befüllt. Und um einen Geheimtipp kann es sich auch nicht handeln, werden die Flaschen doch in über 50 Länder exportiert. Obwohl man das Gefühl bekommt, der Champagner nähre den Champagner und außer noch mehr Exklusivität und anziehenden Preisen brauche man keine Innovation, hat Mignon sich tatsächlich zwei Betoneier in das Keltergebäude gestellt.

Champagne Epernay Reben
Stadt, Land, Wein: In der Champagne sind die Weinberge nie weit.

Diese Keltergefäße ohne Ecken und Kanten kennt man sonst eher von etwas freakigen Winzern, die herkömmliches Marketing ablehnen und deren Marketing letztlich die etwas spleenigen Herstellungsmethoden sind. Manon Mignon weist gerne darauf hin, dass die in den Betoneiern vergorenen Grand Crus erstmalig 2021 oder vielleicht auch erst ein Jahr später auf den Markt kommen werden. Um die Spannung weiter zu steigern, verrät sie außerdem, dass der Champagner aus den identisch geformten Gefäßen sehr unterschiedlich schmecke. Was auch immer davon zu halten ist, nur mit „tradition“ scheint man sich zumindest hier doch nicht begnügen zu wollen. Wiewohl zwei Betoneier auch nicht alles anders machen.

Champagne Schriftzug
Lasagne? Allemagne? Nein, dieser Schriftzug lautet anders!

 

Schreibe einen Kommentar