Wein abfüllen, auch mit Magnumflaschen und anderen Sondergrößen

Bevor die Lese beginnt, muss der Winzer erstmal noch Wein abfüllen

 

Wein abfüllen, auch mit Magnumflaschen und anderen Sondergrößen
Flasche voll! Auch Sondergrößen wollen fachmännisch befüllt werden.

Es ist Spätsommer in der Toskana. Die Weizenfelder sind längst abgeerntet, ockerfarben liegen die aufgeworfenen, von der Sonne wie verbacken wirkenden Schollen da. Die Wälder bilden einen angenehmen dunklen Kontrast, auch die Reben tragen noch grünes Laub. Schwer hängen die dunklen Trauben daran. Sangiovese vor allem, aber auch Cabernet Sauvignon, Merlot, Alicante Bouschet, Cabernet Franc. Was läuft im Keller? Erstmal noch die Abfüllung der älteren Jahrgänge!

Andrea Contarino von Villa Trasque bei der Arbeit
Die Hand am Wein und mit den Mitarbeitern verbunden, notfalls per Walkie-Talkie: Kellermeister Andrea Contarino.

Denn ein bisschen brauchen die Trauben noch. Bis dahin hat man noch Kapazitäten frei, an Platz, an Arbeitskraft. Und wenn während der Verarbeitung des neuen Leseguts Hefen durch die Luft schwirren, könnte man sowieso keinen Wein abfüllen. Außerdem braucht man auch leere Gärbehälter. Also heißt es, noch einmal die Chance genutzt und die riesige Abfüllanlage aufgestellt. Der Tieflader fährt dazu bis in den Keller, um das containergroße Gerät direkt dort abzustellen. Im Februar bereits hat Kellermeister Andrea Contarino des Weinguts Villa Trasqua diese bestellt – die sieben Anlagen des Dienstleisters, die jeweils mit zwei bis drei Mann Personal geliefert werden, sind gut gebucht. Abfüllen müssen sie alle, die zahlreichen Weingüter im Chianti. Und selbst wenn sie wollten, dürften sie den Wein nicht abholen und woanders auf die Flasche bringen lassen, wie es im Weinsprech heißt. Die Regulierungsbehörde will es so. Und wahrscheinlich ist das auch gut so.

Methusalem, Jeroboam, Magnum oder vielleicht einfach eine 0,75-Liter-Flasche?

In der Kelterhalle ist richtig was los: Die Anlage brummt und zischt, das laute Scheppern der Flaschen ist omnipräsent. Nur zwei Tage ist die Anlage vor Ort, also heißt es, sich ranzuhalten. Was am Freitagabend nicht auf der Flasche ist – nein, das darf einfach nicht passieren. Entsprechend zügig wird gearbeitet: Dazu müssen ein Dutzend Männer gut miteinander funktionieren.

Leere Flaschen einstellen und Wein abfüllen
Flasche leer wird Flasche voll: Die Maschine gibt den Takt vor.

 

Draußen werden mit einem Gabelstapler die natürlich rechtzeitig georderten und bereitgestellten Paletten mit den eingeschweißten leeren Flaschen herangefahren. Zwei Mann packen diese aus und bestücken das nimmersatte Förderband aus Metall damit, auf dem die Flaschen in manchen Situationen auch ein bisschen rutschen dürfen, sogar müssen, damit nichts umfällt. Im Inneren spült, füllt, verkorkt die Maschine alles von selbst, aber natürlich nur, wenn man sie entsprechend vorbereitet hat, ihr immer das an Wein, Wasser und Korken gibt, was sie braucht. Und manchmal muss einer der Techniker zielsicher einspringen, wenn irgendwo etwas hakt oder einfach nur, weil von Methusalem, Jeroboam oder Magnum auf handelsübliche 0,75-Liter-Flaschen umgestellt werden muss.

 

Etikettiert wird später, auch wenn das viel umständlicher ist
Wein abfüllen und mit Korken verschließen
Original abgefüllt und verkorkt – vorausgesetzt, alles ist zur rechten Zeit am rechten Ort.

Am anderen Ende schiebt die Anlage des italienischen Spezial-Herstellers Cavagnino & Gatti die fertig befüllten Flaschen auf einen sich drehenden Metallteller, wo diese auch ein bisschen zusammenrutschen können, wenn die nächsten ankommen. Aber dazu kommt es meist nicht, weil ebenfalls zwei tüchtige Italiener, wie die anderen auch mit weißen Handschuhen bewehrt, um Abdrücke auf dem Glas zu vermeiden, die Flaschen schnappen und auf einen Zwischentisch weiterreichen. Dort warten bereits wieder zwei Arbeitskräfte, die die Flaschen in Dreierreihen in einer Gabbia, einer Art riesigem quaderförmigen Korb, stapeln. Dieser muss wiederum schnellstmöglich durch einen leeren ersetzt werden, sobald er voll ist. Obwohl die Anlage dies gleich mit hätte erledigen können, sind die Flaschen noch nicht mit Kapsel, Banderole und Etikett versehen. Doch das passiert erst, wenn die Ware verkauft wird, damit die Visitenkarten von Wein und Weingut nicht verkratzt oder wellig werden. Damit aber alles auf sauberen Untergrund kommt, wenn es soweit ist, werden die Gabbie, wie der Plural von Gabbia im Italienischen lautet, mit Cellophan eingeschlagen und mit dem Handhubwagen zum Warenaufzug gebracht, weil die Flaschen eine Etage höher gelagert werden.

Experimente verlangen besonderen Einsatz, auch beim Wein abfüllen
Wein abfüllen und volle Flaschen stapeln
Sind so flinke Hände: Volle Flaschen werden in einer Gabbia gestapelt.

Am aufwendigsten sind wie immer die Sondergeschichten. Schon die Flaschen mit den größeren Volumen gehören dazu, weil die Maschine umgestellt werden muss, obwohl es nur wenige Einheiten sind und sie passen auch nicht gut in die Behältnisse. Eine bestimmte Reihe an Wein gibt es mit dem Titel Experimentum, der schon für sich spricht. Auch diesen Flaschen wollte man eine besondere Note geben, so dass diese schon von der Glaserei mit einer silbrigen Aufschrift angeliefert werden. Damit diese geschützt bleibt, sind die Flaschen einzeln (!) in Seidenpapier eingewickelt. Die Maschine läuft aber genauso schnell wie sonst. Heißt, jede nur verfügbare Kraft hilft am Eingang zur Kelterhallte aus, die Papiere fliegen, einsammeln kann man danach noch, erstmal müssen die Behälter einsatz- oder vielmehr einsetzbereit sein.

Am Abend des zweiten Tages, nachdem etwa 30000 Flaschen ihre neue gekühlte Lagerstätte gefunden haben, bekommen die Arbeiter neben ihrem Lohn auch eine Flasche von der Flüssigkeit, mit der sie sich die ganze Zeit beschäftigt haben.

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