Wein und Weinbau in Mitteleuropa, eine kulturhistorische Spurensuche: Lange Titel verleiten dazu, selektiv zu lesen. Und man ist geneigt, bei dem besonders groß gedruckten ersten Teil des Titels von Daniel Deckers’ Neuerscheinung zu denken, dass der Autor sich hier die heute im Fokus stehenden Weinländer vornimmt, insbesondere angesichts der Dicke des Buches.
Was Weinbau in Mitteleuropa mit Deutschland zu tun hat

Aber spätestens beim Aufschlagen und dem Blick in das lange Inhaltsverzeichnis wird klar, dass hier aus deutscher Sicht weniger im Fokus stehende Regionen und Länder behandelt werden: Österreich, Tschechien, Slowakei, Ungarn – Weinbau in Mitteleuropa eben, oder zumindest Teilen davon. Dazu kommt das einstige Jugoslawien, während Südtirol vielen Lesern bekannter sein dürfte und nur teilweise ins Konzept passt.
Wer bis auf diese beliebte Urlaubsregion und Österreich denkt, dass er ohnehin keinen Bezug zu den Weinen der behandelten Länder hat, wird die Lektüre trotzdem nicht bereuen – zumal die Bezüge zur deutschen Geschichte von Wein und Weinbau größer sind, als man denkt. Von Anfang an gelingt es dem Autor, mühsame Archivarbeit, Vor-Ort-Erfahrungen sowie -Recherchen und ein breites Vorwissen mit greifbaren Geschehnissen und den großen Linien der Geschichte so zusammenzuweben, dass ein überaus lesenswertes populärwissenschaftliche Werk daraus wird.
Österreichischer Wein hatte Luft nach oben
Angesichts der Tatsache, dass das Buch durch verschiedene österreichische Interessengruppen mitfinanziert wurde, fällt auf, dass der Autor mit der Qualität des österreichischen Weins, wie er diese in der Vergangenheit sieht, nicht zimperlich umgeht – und dass er dies mit so vielen Quellen untermauert wie irgend möglich. Glücklicherweise kann er am Ende des Kapitels, in der Gegenwart, mit einem grandiosen Qualitäts-Sprung aufwarten. Selbst der vorher arg geprügelte Wiener Gemischte Satz darf dank den Winzern Fritz Wieninger und Richard Zahel in einer ganz neuen Liga auferstehen.

Im zweiten Kapitel geht es um die böhmische Pforte, und wahrscheinlich wissen viele Leser nicht, mich eingeschlossen, wo das eigentlich genau liegt. Wer aber schon mal Wein aus Sachsen getrunken hat, wird spätestens nach der Lektüre dieses Kapitels neugierig, wie denn eigentlich die Gewächse von weiter elbaufwärts schmecken mögen. Sehr ausgewogen stellt der Autor auch die Spannungen zwischen deutschen und tschechischen Bestrebungen in diesem Landstrich dar; ohne Schminke und ohne Partei zu ergreifen. Dass Zeitläufte, Konflikte, Vertreibung und Kriege sich auch im Mikrokosmos des Weinbau in Mitteleuropa zeigen und in diesem die große Weltgeschichte, demonstriert dieses Kapitel mustergültig. Ob einerseits die Menschen für den Krieg eingezogen oder Winzer vertrieben werden, wenn sie nicht schon gefallen sind; oder umgesiedelte Neubewohner mit dem Kulturgut Wein gar nichts anfangen können – der Gründer gibt es viele, warum Rebflächen zu- und abnehmen und Qualität und Menge deutlich schwanken. Wein ist eben ein besonderes Kulturgut, das nur in einem bestimmten Habitat gedeiht.

Wein und Krieg
Dass dieses Thema, inwieweit Kriege und Konflikte den Weinbau und die mit ihm verbundenen Menschen verändern, natürlich über dieses Buch hinausgeht, wird von Deckers als ein weißer Fleck der Wissenschaft in vielerlei Hinsicht betrachtet. Dabei lässt er sich auch nicht nehmen, deutliche Kritik an dem Bestseller „Wein und Krieg“ von Don und Petie Kladstrup zu üben, in dem der heldenhafte Kampf der Franzosen gegen die gierigen deutschen Besatzer dargestellt sein soll. Eine „Überprüfung handschriftlicher Quellen in französischen und deutschen Archiven“ fand laut Deckers jedoch nicht statt, und das dänische Autorenduo liefere sich so der „methodischen Tücken der Oral History“ ungeschützt aus. Deprimierend aus Sicht des Autors, dass auch tiefergehende und abweichende Studien dazu im Grunde nicht wahrgenommen worden seien und das reißerische Werk schon in 23. Auflage erschienen ist.

Vereint Wein Europa?
Vielleicht überspannt Deckers manchmal den Bogen, wenn er zum Beispiel über „die Staaten, die im Zuge der Pariser Vorortverträge aus der Konkursmasse des Habsburger Reiches hervorgegangen“ sind, schreibt: „Denn, wenn sie eines über alle alten und neuen Grenzen hinweg gemeinsam hatten und bis heute haben, dann ist es eine jahrhundertealte, zum Teil bis in die Zeit der römischen Kolonisation zurückgehende Weinbaugeschichte.“
Dennoch hat diese steile These ihren Reiz, nämlich es einmal genau so zu denken. Nicht nur wegen der globalen Begründung, die der Autor mit den vor allem österreichischen Weinbauschulen nachreicht. Oder der Aussage, dass „die wirtschaftliche Existenz einer in die Millionen gehenden Zahl von Europäern ab der Mitte des 19. Jahrhunderts“ vom Weinbau abhängt. Sondern auch aus eigenen, meinen Erfahrungen aus der heutigen Zeit. Die Welt des Weins ist so lokal wie international und bestens vernetzt; gewissermaßen Völker-Verständigung der besten Art und Weise.

Quasi wie eine Bestätigung schreibt der Autor auf der folgenden Seite von der „‘Ökumene‘ des Weinbaus, die es allen sprachlichen Barrieren zum Trotz in Umrissen noch am Vorabend des Zweiten Weltkrieg gab und die der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts zum Opfer gefallen ist“. Heute jedoch hat man durchaus den Eindruck, dass ein gutes Stück davon zurückerlangt worden ist!
Für immer aufgegeben
Auch der Teil über Südmähren liest sich gleichsam exemplarisch für das Schicksal, das auch anderen Regionen im 20. Jahrhundert zuteil wurde: von einer Nation in die andere verschoben und mehrfach enttäuscht, wobei am Ende die fast komplette Vertreibung einer ethnischen Gruppe (hier der Deutschstämmigen) steht. Dieses Exemplarische macht die Darstellung aber nicht weniger deprimierend. Dass „die kleinbäuerliche deutsche Weinkultur buchstäblich ausgelöscht, und nahezu menschenleere Dörfer“ zurückblieben, könnte man in diesem Zusammenhang zwar als vernachlässigbaren Aspekt betrachten. Doch die Schilderung fasst das Schicksal der betroffenen Menschen und ihres Herausgerissenseins ins Bild, darin liegt dessen besondere Tragik. Denn war es Zufall, dass diese mit ihrem zurückgelassenen Tagwerk in der Mehrzahl für immer abschlossen? Jedenfalls schreibt Deckers, dass so gut wie keiner der Vertriebenen es in der neuen Heimat wo auch immer mit Weinbau versucht hatte.“

Eine der wenigen Ausnahmen ist aber auch gleich ein sehr bekannter: Franz Künstler aus Unter–Tannowitz beziehungsweise sein Sohn Gunter, der heute in Hochheim am Main bekannte Rieslinge keltert.
Bratislava, die einstige Weinstadt
Wer sich eine mittelalterliche Karte Kölns anschaut, staunt, wie viel Rebfläche in dem engen Stadtgebiet vorhanden war. In Pressburg (Bratislava) war dies wohl selbst im 20. Jahrhundert noch der Fall, wie Deckers herausarbeitet. Doch auch bei diesem städtischen Beispiel für Weinbau in Mitteleuropa beendete unter anderem die Vertreibung nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges die überwiegend von Deutschstämmigen vorgenommene Bewirtschaftung kleiner Parzellen, die bislang zusammen mit dem Engagement der Bürger und einer Bratislavaer Zeitung zum Stolz der Stadt gehörten: „Nach fast acht Jahrhunderten war ein bürgerschaftliches Engagement für Stadt und Wein Geschichte, das (nach dem Kenntnisstand des Verfassers), zumindest im deutschen Sprachraum einzigartig war.“
Zwar war die Rebfläche in der gesamten Slowakei in der Folge enorm angewachsen, jedoch überwiegend in den Flachlagen entlang der Donau, während viele der besseren Hanglagen Plattenbauten oder Industrieanlagen weichen mussten.
Tatsächlich hat der Besucher heute nicht den Eindruck, in eine Weinstadt zu kommen, wenn er Bratislava erreicht.

Auch hier passt wieder der Untertitel des Bandes: eine kulturhistorische Spurensuche.
Gedruckte Tutorials für Weinfälscher
Wird heute Weinfälschung geheim betrieben und treibt viele Sammler um, so wurde diese im 19. Jahrhundert bisweilen nur als legitimes Mittel für den Zweck, begehrte Weintypen herzustellen, angesehen: von Autor Karl Maier etwa, der dank der „Chemie“ Weine mit „einem besonders würzigen Geschmack“ vorgab nachbauen zu können, etwa Süßweine. Auch andere betonten Vorteile der Manipulation, etwa weil die „‘Naturwaare‘ selbst während des Transports unter gemäßigten Bedingungen ‘öfter als die manipulierte‘ umschlage.“
Vor allem die zitierten Anleitungen Maiers wirken abenteuerlich (auch wenn man sich in den etwas mühsam nach Kapiteln sortierten Endnoten noch einmal vergewissern muss, dass auch wirklich dieser gemeint ist, weil der Autor versehentlich nun mit e geschrieben wird). Man fühlt sich an die Notizen des legendären Weinfälschers Rudy Kurniawan erinnert, wenn Maier das ‘Rezept’ für einen Ruster-Ausbruch-Fake angibt: „Man nehme 100 Liter Normalwein, fünf Liter achtzigprozentigen Weingeist, 0,2 Liter Holunderblütenessenz, jeweils fünf Centiliter Macis- und Muskatnuss-Essenz und wiege fünf Kilogramm Glycerin und 9,5 Kilogramm Caramel ab. Nach genauer Vorschrift zubereitet, entstünde so die Nr. 17 ‘Ruster Ausbruch‘“. Gerade beim Stichwort Glycerin und Österreich zuckt man bei dieser Passage des 1875 erschienen Buches Maiers zusammen, versuchten doch österreichische Weingüter, bisweilen in Verbund mit deutschen Abfüllern ein Jahrhundert später, auch mehr Fülle in den Wein zu bringen, allerdings durch Glykol, der auch als Frostschutzmittel verwendet wird.

Stellen solche Vorfälle einen Grund für den heutigen Nischen-Hype des Naturweins dar, die totale Skepsis gegenüber allem, was außer Trauben mit dem Wein in Kontakt kommt?
Reinsortiger Weinbau ein Privileg?
Es finden sich noch weitere steile Thesen des Autors, etwa diese: „Daher ist es kein Zufall, dass der heute so genannte Qualitätsweinbau in den nördlichen Breitengraden ein Privileg derjenigen war, die in der Rentenökonomie des ausgehenden Feudalzeitalters über hinreichend große und ihrer Art nach breit gestreute Einkünfte verfügten, die sie von den Erträgen des Weinbaus weitgehend unabhängig machten“.
Dagegen:„Nicht so die in viele tausende gehende Zahl an einfachen Bauern in den kleinen Dörfern rings um den Neusiedler See, die in der Regel nur wenige Strich Rebfläche ihr Eigen nannten“ – und wo verschiedene Sorten durcheinander wuchsen.“ Gemischter Satz also sozusagen als Versicherung; aber ob das auch gegen Hagelschlag oder Spätfröste hülfe? Zumindest das bleibt sehr fraglich.

Frostschutz im Wein als Auslöser einer Qualitätsoffensive?
In Kapitel 5 („Klasse statt Masse“) verlässt der Autor ein wenig die „historische Spurensuche“ beim Weinbau in Mitteleuropa für ein Thema, dass ihm auch in anderen Publikationen schon am Herzen lag, nämlich die Verantwortlichkeiten für den Glykolskandals in Österreich., kann man hierfür die Spurensuche doch für abgeschlossen halten. Aber im Sinne des Kapitels ist es natürlich folgerichtig, dass er die nachfolgenden, härteren Weingesetze und den Willen, den schlechten Ruf zu überwinden, als Grundlage darstellt, dass unter anderem das Burgenland zu qualitativ neuen Höhen geführt wurde beziehungsweise zu einem „ Weinwunder […], wäre dieses Wort nicht so abgegriffen“ – was ein klein wenig (selbst –) ironisch wirkt, lautet doch eine der letzten Publikationen Deckers‘ „Das deutsche Weinwunder“.
Nachschlagen wird möglich
Für uns heute selbstverständlich, dass es für alles ein Tutorial gibt, doch erst im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts erscheinen wichtige Schriften über den Weinbau, die Titel tragen wie „Der Führer für Weingartenbesitzer“. Anscheinend war die Steiermark dank des Erzherzogs Johann besonders weit vorn im Voranbringen der Passung von Weinberg und Rebsorte.
Dennoch stellte Österreich-Ungarn selbst fest, dass der Weinbau dort „mit dem am Rhein und in den Qualitätsweinbaugebieten Frankreichs nicht mithalten konnte“.

Allerdings ist der Teil über geplante, tatsächliche und vermeintliche Fortschritte im Weinbau der Steiermark etwas langatmig.
Goethe war gut
Ja, wer kann schon verschiedene Rebsorten im Weinberg auseinanderhalten? Heutzutage fragt man als Laie Pflanzenerkennungs-Apps, auch wenn man zum Beispiel auf Wikipedia ampelographische Angaben zu jeder Rebsorte findet: aber so einfach ist es trotz allem nicht. Das Durcheinander der Rebsorten bis ins späte 19. Jahrhundert war also für Winzer eine erhebliche Herausforderung. Aber: „Es war niemand anders als Herrmann. Goethe, der in Wien im Oktober 1873 mit einem Antrag die Frage nach der Gründung einer internationalen ampelographischen Kommission auf die Tagesordnung des Kongresses setzte“. Tolle Idee, die auch bereits mehrere Erfolge zeitigte, dann aber leider abbrach, da Goethe – ob er mit dem bekannten Schriftsteller verwandt war, wird nicht gesagt – „ sich 1883 aus gesundheitlichen Gründen von allen Aufgaben zurückzog“.

Trotzdem war einiges an Arbeit getan worden und der Grundstock für eine Enzyklopädie gelegt, so dass man Rebpflanzen wiedererkennen und im Vorhinein prüfen konnte, ob sie überhaupt für den Standort geeignet waren. Außerdem setzte Goethe sich stark für die Vermehrung von amerikanischen Unterlagsreben in Österreich ein, um der Reblausplage Herr zu werden. Gerade wenn es um die Reblaus und die neue Bedrohung durch den Mehltau geht, weicht der Text auch auf Frankreich aus. Daran zeigt sich, dass selbst die vernünftig groß gefasste Thematik des Bandes, Weinbau in Mitteleuropa, sich nicht vom restlichen Europa frei machen kann und mit ihm verflochten ist.
Stilfragen
Deckers‘ Stil schwankt ein wenig zwischen betont lockerer Ausdrucksweise („Burgenland! Was für ein bildmächtiges, die Phantasie bis an ihre Grenzen beflügelndes Wort!“) und trockenem akademischem Standardrepertoire („Dieses Desiderat im Rahmen dieser Studie zu beseitigen, sprengt jedoch nicht nur deren Rahmen, sondern überstiege auch die Möglichkeiten des Verfassers, gälte es doch, die über zahlreiche Archive verstreuten Protokolle, einschlägige Berichte in den Fachzeitschriften jener Epoche wie auch die diversen Publikationen auszuwerten, die aus der Arbeit der Kommission hervorgegangen sind“).

Meistens bewegt er sich jedoch im Rahmen eines nüchternen, aber nicht zu akademischen Diskurses. Zahlreiche sehr lange Sätze, die sich über eine Drittelseite ziehen, erschweren allerdings etwas den Lese- und Verständnisfluss. Obwohl sich wenige Tippfehler in dem Werk finden, wirkt amüsant, dass wiederholt Wein statt Wien geschrieben wird: bei solch einem Thema ist dieser Dreher mehr als verständlich.
Fun facts
Auch der ein oder andere Fun fact findet sich in Deckers‘ Arbeit, wenn auch der Fall der Steiermärkischen Sparkasse einen nur eingeschränkt lustigen darstellt: Weil wegen der Reblaus- und Mehltauplage viele Weingärten aufgegeben und ihre Inhaber zahlungsunfähig waren, übernahm das Geldinstitut zahlreiche Weinberge und wurde selbst zum Weingut, eröffnete gar einen Ausschank. Selbst als das Land und der daraus gewonnene Wein ein stattliches Vermögen wert waren, verkaufte man angeblich aus patriotischen Gründen den Besitz nicht wieder. Skurrile Blüte des Weinbau in Mitteleuropa in einer von Umbrüchen zerfurchten Zeit.

Erstaunlich auch, dass beim Weinbaukongress 1897 in Trient etwas diskutiert wurde, dass heute den wenigsten Weintrinkern, aber vielen Winzern als Carbofresh-Verfahren bekannt ist: „Die Behandlung von Stillweinen bei der Flaschenfüllung mit Kohlensäure, um sie frischer und süffiger erscheinen zu lassen.“ Manches ist gar nicht so neu wie gedacht.
Weinführer als Kind ihrer Zeit
Recht ausführlich lässt sich der Autor auch darüber aus, dass in den großen international bekannten Weinführern, die es damals schon gab, etwa jugoslawische und steiermärkische Weine kaum eine Rolle spielten. Sicher hat er recht mit der Kritik, lässt sich dieses strukturelle Problem doch heute auch wieder beobachten. Was nicht interessiert, was letztlich auch Moden und Vorbehalten geschuldet ist, wird nicht oder nur marginal dargestellt und nur selten aktualisiert, etwa Wein aus den Staaten des ehemaligen Jugoslawien.

Gleichzeitig singt Deckers immer wieder das Loblied des Furmint, der in dem ewigen Auf und Ab der Geschichte in Burgenland und Steiermark lange nichts mehr zu sagen hatte, obwohl er dort historisch verwurzelt ist. Zurecht, denn aus dieser Rebsorte lassen sich (nicht nur) in dieser Gegend fantastische Weine keltern. Und glücklicherweise gibt es seit einigen Jahren fast überall ein Zurück zu autochthonen Rebsorten.

Wein und Geschichte, Geschichte und Wein
Die Frage, warum man die Geschichte Mitteleuropas ausgerechnet über den Wein erzählen sollte, beantwortet der Autor so: wegen der „Potenziale, die in anderen material turns nicht vorhanden sind“. Zum Glück nennt er für diese schwer eingängige Formulierung ein Beispiel, nämlich dass die „Erinnerung an die historische Steiermark im Wein, aber auch nur im Wein fortlebt“. Gemeint ist, dass eine Weinregion in Slowenien sich Stajerská slovenija nennt, während in den politischen und Verwaltungs-Bezeichnungen des Landes das Wort Steiermark seit der Teilung dieser historischen Kulturlandschaft nach dem Ersten Weltkrieg auf slowenisch-jugoslawischer Seite nicht mehr erschienen war – bis heute, so der Autor.

Man könnte noch eine andere Begründung für diese Vorgehensweise, Geschichte aus dem Blickwinkel des Weinbaus zu erzählen, vorbringen (falls man sie überhaupt begründen muss): Dieser Modus gestaltet sich für manche Leser – zum Beispiel mich – eingängiger, als reine Geschichtswerke es vermögen. So ist auch die Geschichte der jungen Bundesrepublik durch die Perspektive des auf Staatsebene ausgeschenkten Weins ein sehr lesenswertes Buch, das die vordergründig trockenen politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen mit einem ganz und gar nicht trockenen Kulturgut hervorragend verknüpft.

Eine Region ist nie allein
Als es darum geht, das Wirken des Tiroler Weinbauschuldirektors Edmund Machs zu würdigen, kommt Deckers auch auf die Schwäche einiger weinhistorischer Darstellungen zu sprechen, die sich häufig nur auf eine Region stützen. Im Laufe der der Lektüre zeigt sich, dass einen größeren Raum in den Blick zu nehmen, eine hervorragende Entscheidung war, da insbesondere im 20. Jahrhundert viele Regionen die ’Staatsangehörigkeit‘ wechselten zerteilt wurden oder Schlüsselpersonen des Weinbaus in verschiedenen Ländern tätig waren. Auf diese Weise werden die Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Regionen und Ländern und ihr Zusammenwirken, trotz aller politischen Konflikte, greifbar. Ein sehr lesenswertes Buch.

Daniel Deckers: Wein & Weinbau in Mitteleuropa.
Eine kulturhistorische Spurensuche.
Wien 2025, 45 Euro.

