Weine aus Kanada und Bolivien

 Exotik? Höher, wärmer, weiter!

Exotik im Weinbau. Was ist das? Vermutlich hat jeder eine andere Definition davon und sicherlich kann sich Exotik auch auf die Rebsorten, die Cuvéetierung oder die eingesetzten Mittel im Keller beziehen. Wir beziehen uns hier jedoch auf Anbaugebiete, die uns aus unserer westeuropäischen Sicht exotisch vorkommen, weil sie weit weg und hierzulande nahezu unbekannt sind: Kanada und Bolivien.

„It’s warmer than you think“, wirbt der Dachverband der kanadischen Winzer für alles im nördlichen Nordamerika Gekelterte. Interesting! War nicht „cool climate“ der Marketingbegriff, der uns seit einiger Zeit als die Voraussetzung schlechthin für charaktervolle Weine entgegengeschleudert wird? Ist warm, nein, „warmer“, plötzlich das bessere „cool“? Nun, vielleicht hat es einfach etwas damit zu tun, dass warm und kalt eben relativ sind oder dass es noch immer Menschen gibt, die nicht vergessen haben, dass Reben denn doch ein nötiges Quantum Wärme brauchen, damit die Trauben reif werden?
„Warmer than you think“ soll also wohl bedeuten: In Kanada ist es nicht immer und überall eiskalt, sondern zumindest gemäßigt. Eigentlich könnte man dann doch zumindest das Anbaugebiet in British Columbia klimatisch mit Deutschland vergleichen? Anhand der Karte, die der kanadische Weinverband hat drucken lassen, scheint beides auch ungefähr auf denselben Breitengraden zu liegen. Interessanterweise wird stattdessen durch die Beschriftung eine Beziehung zu den heißeren Ländern Frankreich und Italien hergestellt. Soll „warmer“ also doch eher statt „nicht so kalt“ eher „heiß“ bedeuten?

Kanada, it's warmer than you think
Sind British Columbia und Deutschland vergleichbar? Auf demselben Breitengrad liegen sie zumindest.

Wie auch immer, wir haben die (nicht repräsentative) Probe aufs Exempel gemacht und – da wir von kanadischen Weingütern keine Ahnung haben – uns einfach einen Vertreter der dortigen Zunft ausgesucht, den wir auf Anhieb sympathisch fanden: Christopher Jentsch vom Weingut C.C. Jentsch Cellars in eben British Columbia. Also, wo ist er, euer Weißwein und Spätburgunder? Das, was eben gut gedeiht in gemäßigten Klimazonen!
Wir sind überrascht. Weißwein gibt es, klar, allerdings Chardonnay und Viognier! Da denken wir dann doch eher an Burgund und Côtes du Rhône statt an Rheinhessen oder Pfalz. Es ist ein schöner Chardonnay, den Christopher einschenkt, weder buttrig noch zu gefällig oder mit zu viel Holzausbau. Viognier pur? Wir sind skeptisch. Sortenrein ausgebaut polarisiert der Viognier doch meist. Dieser hier nicht! Wir sind – schon wieder – überrascht, denn wir befinden uns bei den reinsortigen Vertretern meistens an dem Pol, der den Fans gegenüber liegt.
Jetzt kommen die Roten. Wo ist der Spätburgunder? Was da ins Glas fließt, sieht gar nicht danach aus, selbst mittels Saftreduktion kriegt man den Pinot nicht so noir. Christopher dreht das Etikett in unseren fragenden Blick: Syrah! Eine schöne Frucht weist dieser auf und hat durchaus Körper. Er ist aber nicht überladen. Wir sind fast ein bisschen beruhigt: Also doch auch Anzeichen für cool climate!
Gehen wir zum nächsten, sagt Christopher. Und da man dieser Frohnatur sehr gerne folgt, fließt schon wieder ein auffällig dunkler Roter ins Glas. „The Chase“ heißt diese Cuvée aus fünf Rebsorten. Die Namensgebung hat, wer hätte es gedacht, mit einer Geschichte von Mann und Frau zu tun. Geschmacklich hinsichtlich des Roten meinen wir: Man hätte sich vielleicht besser entscheiden und ein klareres Profil herausarbeiten sollen. Die große Überraschung ist, welche Rebsorten in der Cuvée sind: Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Merlot, Petit Verdot, Malbec! Nun sind wir neugierig, wie die Sommer in British Columbia aussehen. It’s warmer than we thought: Das Okanagan Valley, wo die Jentschs ihr Gut haben, zeichnet sich durch heiße Sommer (über 30 Grad Celsius) und geringe Niederschläge aus. In der Gegend gibt es sogar eine Wüste, die einzige Kanadas! Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass auch noch in anderen Provinzen des Landes Weinbau betrieben wird.

Bolivien, Weinbau in 1850 Meter Höhe
Das ist ja wohl die Höhe! 1850 Meter über dem Meerespiegel.

Der zweite Exot: Bolivien! Ja, da muss ein Ausrufezeichen hinter! Schließlich lautet (jetzt natürlich: lautete) das Mantra doch immer: Südamerika, das ist Chile, Argentinien, Uruguay, im Weinbau. Ein paar Spezialisten hoben dann immer den Finger und riefen: Brasilien! Aber Bolivien? Ist das Land „warmer than you think“ oder „cool climate“? Wir wissen es nicht, vor dem inneren Auge tun sich mit einiger Unsicherheit sowohl frostige Hochebenen als auch schwül-heißes Tiefland auf.

 

Muskateller aus Bolivien
Muscat, leider mit Korkfehler.

Die bolivianische Winzervereinigung ist freilich auf einem anderen als dem Temperaturen-Zug unterwegs: „high altitude“! Richtig, mit möglichst vielen Metern über Nullnull sind ja auch immer mehr Strategen am Start, nach dem Motto: umso höher, desto wow! Was auch immer davon zu halten ist, unsere inneren Bilder von andinen Höhen waren offenbar so falsch nicht. Nun, wir sind gespannt! Eine Flasche Weißer und ein Roter geht mit. Ein paar Wochen später scheint uns der Moment geeignet, mit der Verkostung zu starten. Der Muskateller, den Jhonny (!) Salguero von der Bodega La Concepción bereitet hat, macht den Anfang. Und dann das: Der Wein hat Kork. Mist. Die Ersatzbeschaffung dürfte schwierig werden. Da kann man nur wieder sagen: Zumindest auf Weißweinflaschen gehört besser ein Schraubverschluss! In Ermangelung eines solchen wird uns verborgen bleiben, wie dieser Moscatel de Alejandría schmeckt. Vielleicht für immer.

 

Korken des Malbec von Campos de Solana
Das sieht doch gut aus: Naturkork, korkfehlerlos.

Also zum Roten: ein Malbec. Anders als bei den Kanadiern scheint das auch schon auf den ersten Blick stimmig: Was in Mendoza auf steinigen Böden teils auf 1000 Metern über dem Meeresspiegel gut gedeiht, sollte auch in Bolivien auf 1850 Metern was werden. Einen Spätburgunder erwarten wir hier jedenfalls nicht, zu heftig sind im Tarija-Tal die Umwelteinflüsse, die extreme Sonneneinstrahlung ist nur ein Faktor. Nach dem Entkorken des 2014ers aus den Bodegas Campos de Solana meldet die Nase auf jeden Fall schon mal Entwarnung – kein Trichloranisol, vulgo Korkton. Ein Glück! Schon gluckert der Bolivianer mit einer unglaublichen Farbintensität ins Glas. Ein tiefdunkles Rubinrot beeindruckt, selbst an den Rändern ist der Malbec noch gut durchfärbt. Auch die Viskosität ist kräftig. Die Nase steht dem ersten Eindruck in nichts nach: dunkle Früchte, frisches Gebäck, Kokos, Vanille. Im Mund Aromen von Pflaume, Kaffee, etwas Lakritze, die Tannine sind angenehm, ganz leicht angeraut. Interessanterweise ist der Wein am Gaumen nicht so üppig, wie es der optische und der Geruchseindruck vermittelten, was wir positiv beurteilen. Die Aromatik überwiegt, der Körper ist eher schlank. Ein schöner Malbec!
Fazit. Wärmer als gedacht; hoch, höher, am höchsten… Jeder wirbt halt mit dem, was er hat. Muss man diese Weine trinken? Wir meinen: Warum sollte man nicht?

Ein Kommentar

  1. Schade, dass nur mit einem kleinen Satz auf die „anderen“ Weinregionen in Kanada hingewiesen wird…
    die haben naemlich auch allerhand zu bieten, naemlich in Niagara on the Lake in Ontario.
    Dort findet man seit ein paar Jahren sogar „Lemberger“!!

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