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Für mich bitte ein deutscher Chianti! Sangiovese und Lagrein aus der Pfalz, Alvarinho vom Rhein, Zweigelt aus Thüringen. Braucht’s das?

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Chianti, pardon, Sangiovese aus der Pfalz!

Deutscher Chianti ist natürlich inexistent. Chianti und Chianti Classico sind geschützte Ursprungsbezeichnungen aus Italien. Aber der Gedanke lässt sich nicht beiseiteschieben: Schmeckt der Sangiovese vom Weingut Philipp Kuhn aus Laumersheim in etwa wie ein Wein aus der Toskana? Dort ist die Rebsorte Basis für viele berühmte Weine, angefangen vom einfachen Chianti über den Chianti Classico, Morellino di Scansano und Vino Nobile di Montepulciano bis zum Brunello di Montalcino.

 

Warum Sangiovese? Weil er kann.

Man kann sich fragen, ob es normalerweise nur in Südeuropa zu findende Rebsorten hierzulande braucht. Ein Grund für die Tatsache, dass ein Philipp Kuhn Sangiovese in der Pfalz pflanzt, lautet jedoch: Weil er es kann.

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In der Pfalz? Nein, das hier ist die ureigentliche Heimat des Sangiovese.

In Laumersheim, dem Sitz des VDP-Weinguts, hat das Thermometer letzten August selbst die 36-Grad-Marke geknackt. Und auch im September war es noch mehrfach über 30 Grad warm. Also gute Voraussetzungen für die tanninhaltige Rebsorte, die lange warmes Wetter braucht, um richtig auszureifen. 2018 mag ein besonderes Jahr gewesen sein, aber die Anzahl der richtig schlechten Sommer hat insgesamt stark abgenommen.

Sangiovese Toskana Lese Hand Trauben
Traubenernte – in der Toskana!

So war auch 2015 ein super Weinjahr, wenn man super mit warm und relativ trocken buchstabiert. Der Sangiovese des Pfälzers aus diesem Jahr präsentiert sich jetzt kirschrot, dabei granatrot auslaufend und duftet nach Unterholz, Zigarrenkiste, Vanille sowie rauchigen Noten. Am Gaumen Kirsche, dunkle Beeren, Gewürz. Der Wein verfügt über eine herbe Frische, die den Holzeinfluss des Ausbaus gut austariert. Der Nachhall ist eher kurz.

Saale-Unstrut: Warm genug für Zweigelt
Weingut Zahn Thüringen
Z wie Zweigelt? Nein, aber Winzer Zahn baut die österreichische Sorte in Thüringen an.

Es ließe sich einwenden, die Pfalz bilde eine Ausnahme. Dagegen erweckt das Anbaugebiet Saale-Unstrut landläufig nicht den Eindruck, die Toskana des Nordens zu sein. Und doch hat der Winzer André Zahn selbst im recht nassen Sommer 2016 seine Weißweine säuern müssen, damit sie nicht zu breit werden. Klingt nach keinen zu kalten Bedingungen für eine rote Rebsorte, die sonst vor allem im pannonischen Becken Österreichs gut gedeiht: dem Zweigelt. Der 2018er, im großen Holzfass ausgebaut, erinnert stark an eine saftige Sauerkirsche. Man muss schon frische Rotweine mögen, aber dieser macht auf jeden Fall Spaß.

Auch einen Roten aus dem Alpenraum hat Oliver Gabel im Angebot: die in Südtirol verbreitete Rebsorte Lagrein. Wie Kuhns Sangiovese muss auch diese Spezialität den Zusatz „aus Versuchsanbau“ auf dem Etikett tragen, weil die Rebsorte in der Pfalz nicht zugelassen ist. Noch nicht? Man wird sehen, aber der 2015er Lagrein Tradition fließt kirschrot ins Glas, verströmt leicht balsamische Noten und präsentiert sich am Gaumen mit Aromen von Sauerkirsche, Pflaume und etwas Schlehe. Frische und ein strammes Tannin muss man mögen, denn dieser Wein ist kein Leisetreter.

Alvarinho vom Rhein
Galizien albarinho Albariño
Vom Meer geprägt: der Nordwesten der iberischen Halbinsel.

Die Legende behauptet zwar, der Alvarinho stamme vom Rhein. Allerdings ist im Rheingau der Riesling König. Aber das VDP-Weingut Künstler hat sich nebenbei der weißen Rebsorte angenommen, die für den Nordwesten der iberischen Halbinsel typisch ist. Im Norden Portugals heißt sie Alvarinho, im benachbarten spanischen Galicien Albariño. Im milden, vom Atlantik geprägten Klima entstehen daraus blumig-duftige Weine. Der 2017er Alvarinho von Künstler aus Hochheim fällt mild und sehr saftig aus mit Aromen von Kernobst sowie etwas Aprikose. Der 2018er ist interessanterweise etwas kühler, schlanker und geht in eine leicht grasig-kräutrige Richtung.

Alvarinho Weingut Künstler Rheingau
Alvarinho aus dem Rheingau.

Und braucht es das jetzt wirklich? Wahrscheinlich nicht. Wenn man die Winzer nach den Gründen fragt, hört man oft das Wort „Spielerei“. Eine schöne Spielerei, möchte man meinen. Und wer weiß, ob der Sangiovese klimatisch irgendwann besser in deutsche Wingerte passt als der Spätburgunder?

Ein Kommentar

  1. Wer sich einmal die Zeit genommen hat das Chianti zu durchwandern, die Landschaft zu queren, zu schauen und dabei den leisen, warmen und stetig blasenden Wind erlebt hat der die Wetterverhältnisse in Minuten ändert, Regen bringt und die
    Feuchte mitnimmt, der weiss warum der Chianti nur dort so ist wie er ist,
    nur von dort herkommen kann, aus dieser privilegierten Gegend in Italien. Es ist die für den Weinbau nahezu ideale Kombination von Topographie und Meteorologie.

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