Weinetiketten von Emil Bauer und Söhne

Etiketten und Etikette

Wein-Etiketten: Über Geschmack lässt sich streiten

Es hatte immer etwas Geheimnisvolles: Einmal im Jahr, wenn die Tage schon kurz geworden waren und der Nebel sich morgens nur mühsam hob und abends früh wieder aufzog, erschien er, der LKW aus der Pfalz, voll bepackt mit Holzkisten, darin die grünen Flaschen feinsäuberlich gestapelt lagen, Flaschenbauch auf Flaschenhals auf Flaschenbauch. Eine Traube Menschen hatte sich schon gebildet, als das Gefährt in der ruhigen Wohnstraße hielt. Manche unterhielten sich, manche standen mit verschränkten Armen dabei – bis die fragile Fracht abgeladen wurde: Jeder war dann nur noch ganz bei sich und der Ware, die er vor Wochen oder eher Monaten bestellt hatte, denn Internet, email und same-day-delivery kannte man allenfalls aus Science-fiction-Filmen.
Die Lieferung kam vom Weingut Emil Bauer und Söhne, das eine pfalztypische breite Palette an Rebsorten feilbot. Einen großen Teil der Bestellliste formten Gutsweine, Literflaschen mit Müller-Thurgau, Kerner, Silvaner, ehrlicher Wein zu günstigen Preisen; und wenn man brav alles Leergut aufbewahrte, wurden ein paar Groschen angerechnet, wenn im nächsten Jahr der Lastwagen wieder am Horizont erschien.
Wie es ja so geht im Leben: Man zieht fort, bekommt neue Eindrücke, bereist andere Länder, verändert seinen Geschmack, trinkt andere Weine. Und so hatten auch wir Emil Bauers Weine zusammen mit anderen Bildern und Erinnerungen tief in einer Schublade vergraben, in die nur selten geschaut wurde – mal mit etwas Nostalgie, meist aber mit einem gelösten Lächeln.

Moderne Etiketten von Emil Bauer und Söhne mit Sprüchen auf den Weinetiketten
Geile Sache? Manche Etiketten von Bauer werfen Fragen auf.

Und neulich dann der Donnerschlag: Per Zufall – schließlich gibt es allein in der Pfalz 3600 Winzer – stolperten wir im Internet über das Weingut Emil Bauer und Söhne und sahen Dinge, die mit der Erinnerung extrem wenig zu tun hatten. Da waren zwei Jungwinzer zu sehen, auf deren Gürtelschnalle das „B“ des Bauer-Weinguts prangte; da gab es Weinetiketten, auf denen „Sex, Drugs and Rock’n Roll“ –durchgestrichen – und dahinter „just Riesling for me, thanks!“ zu lesen war. Oder “If you are racist, a terrorist or just an asshole – don’t drink my Sauvignon blanc”. Sonst nichts, lediglich die Internetadresse des Gutes.
Schock breitete sich in den Gliedern aus. Unsere rührenden Erinnerungen fühlten sich geschändet an. Konnte man sich denn auf gar nichts mehr verlassen – nicht mal in der Pfalz? Und geht man so mit einem Kulturgut um, indem man ihm einen plakativen Aufreißspruch verpasst? Was war bloß aus dem guten alten Emil Bauer geworden.
Emil Bauer? Halt. Da war ja noch der Zusatz hinter dem Firmennamen: „und Söhne“. Zugegeben, die Welt hatte sich nicht nur für mich weitergedreht und auch dort waren die Söhne erwachsen geworden und hatten sich vorgenommen, nicht die Asche zu bewachen, sondern die Flamme zu nähren. Und die Idee, etwas anders zu machen, um sich in dem Produkt, dem man sich verschrieben hat, selbst besser wiederfinden zu können, die ist auf jeden Fall lobenswert. Aber über Geschmack lässt sich bekanntlich trefflich streiten, selbst wenn es um die Gestaltung von Etiketten geht. Und an dieser Stelle wohlbemerkt nur um die! Der aktuelle Sauvignon Blanc von Alexander und Martin Bauer zum Beispiel ist schon in der Gutswein-Variante durchaus ein Knaller!

Alexander Laible: angenehme Zurückhaltung auf dem Weinetikett
Übersichtliches Etikett: Gepflegte Langeweile oder angenehme Zurückhaltung?
Emil Bauer und Söhne, Etiketten mit flotten Sprüchen
Wer Wert auf Etikette legt, für den wird es hier schwierig.

Mit der Gretchenfrage – Wie hältst du’s mit der Tradition? – hatte es der badische Jungwinzer Alexander Laible leichter. Irgendwie. Denn das Weingut des Vaters hat sein Bruder Andreas weitergeführt, während er alles von Grund auf neu aufbauen musste. Diesen Neuanfang vor nunmehr neun Jahren hat er radikal genutzt. Er musste sich nicht erst mühsam absetzen, sondern hat alles gleich so gemacht, wie er es für richtig hielt, im Berg wie im Keller. Und was dabei entstanden ist, spricht für sich. Der Riesling 2015 „Chara“ etwa, der nach vollreifen, auch exotischen Früchten duftet, einen schönen Körper und einen beeindruckenden Nachhall hat. Aber um den Wein sollte es ja auch hier nicht gehen –.
Das Etikett ist ein bisschen langweilig. Irgendwie. Den eigenen Namen draufzuschreiben: hm. Zusätzlich noch die Initialen: Redundant. Dann noch die Rebsorte plus ein Wort, das keinem rechten System zu folgen scheint: Chara, Kalkmergel, Alte Reben. Dazu noch der Jahrgang und ein paar Sterne. Fertig.
Hat der Neuanfang nicht bis zum Etikett gereicht? Das wirkt doch so gar nicht innovativ! Vielleicht. Aber vielleicht auch gut so. Sicher, über Geschmack lässt sich streiten. Aber bei uns läuft im Kopf eben auch die Frage ab: Wenn ein Etikett sehr marktschreierisch daherkommt, soll es dann etwas verbergen? Auch wenn der Inhalt das eventuell widerlegt – doch vielleicht findet die Flasche dadurch erst gar nicht in unseren Keller. Und es gibt noch andere Fragen: Will ich wirklich bei einem schönen Abendessen mit Gästen Ausdrücke wie „geil“, „asshole“ oder eine indirekte Aufforderung zum Besoffenwerden auf dem Tisch herumstehen haben?
Vermutlich gibt es Weingenießer, die sich um die Etikette weniger scheren und sich von solchen Etiketten nicht abschrecken lassen. Wir meinen: Der Aufdruck sollte hinter dem Inhalt zurückstehen.

2 Kommentare

  1. Tja, als Winzer muß man sich stetig was Neues einfallen lassen, denn es herrscht auf dem deutschen Weinmarkt Verdrängungswettbewerb hoch zehn. Natürlich wäre es schön wenn Schlichtheit den Kunden ebenso überzeugt wie der Inhalt, aber der Wandel am Markt zwingt zum Handeln. Auch ich habe eine kleine Serie mit Etiketten, die von Künstlern gestaltet wurden. Es wird freundlich goutiert und aufmerksam betrachtet. Tasächlich ist dies aber nicht der alleinige Grund den Wein auch zu kaufen. Er muß auch schmecken und Freude bereiten. Ein bisschen mehr Aufmerksamkeit schadet aber nicht.

  2. Ich persönlich finde es sehr schade, dass die Menschheit den Wein nach Etiketten kauft.
    Das Weingut Emil Bauer und Söhne kennen wir der Wein war immer gut aber die neuen Etiketten sind für unseren Geschmack furchtbar, abstoßend und geschmacklos!
    Niemals würde ich so einen Wein mit einem blöden Etikett kaufen!
    Sind die Menschen so am verdummen?
    Und wenn ich Wein trinken möchte mundet er oder nicht da trägt auch kein obszönes Etikett dazu bei ihn zu kaufen für uns eher dazu ihn eben nicht mehr zu kaufen!
    Schade um die Tradition!

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