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Psychologie der Flaschengröße

Psychologie der Flaschengröße Piccolo halbe Flasche Standardgröße
Ist es die da? Oder die da? Piccolo, halbe Flasche, Dreiviertelliterflasche.

Sag mir, welche Flaschengröße du aufmachst, und ich sag dir, wer du bist. Weinflaschen gibt es mit 0,75 Liter Inhalt. Aber auch mit einem halben oder einem ganzen Liter. Oder mit 0,375 oder 1,5 Liter. Richtet sich die Flaschengröße nach dem Durst? Entscheidender ist wohl eher etwas anderes.

Trotz der klaren Dominanz des 0,75-Liter-Gebindes gibt es durchaus eine Vielzahl an anderen Weinflaschengrößen. Selbst wenn man die sehr seltenen und noch viel unhandlicheren Gebilde mit biblischen Namen wie Methusalem (sechs Liter) oder Balthasar (zwölf Liter) einmal ignoriert: Auch unterhalb dieser Schwergewichte gibt es noch Vielfalt. Wie das so ist mit Standard und Abweichung, kostet der Wein aus selteneren Volumenträgern in der Regel auch mehr. Und doch gibt es einen Markt für die anderen Flaschengrößen. Wer sind die Käufer? Wir haben uns einmal, vollkommen jenseits von Objektivität und Empirie, an einer Psychologie der Flaschengröße versucht. Genauer gesagt an einer Psychologie der Normabweicher.

 

Psychologie der Flaschengröße große Weinflaschen
Nichts für den Piccolo-Trinker: voluminöse Sondergrößen.
Der Piccolo:

Der Piccolo-Trinker ist der unkomplizierte Typ. Er möchte einfach ein Glas Sekt mit jemandem zusammen trinken. Oder zwei Gläser Sekt alleine. Dass da ein Schraubverschluss drauf ist: Ist doch praktisch! Und das tut ja dem Inhalt nichts!  Apropos Inhalt: Der sollte halt blubbern und irgendwie etwas Prickelndes in den Tag bringen. Die kleine Freiheit. Ein bisschen Spaß muss sein. Und 0,2 Liter macht man auch ungehemmter auf als eine große Flasche. Ganz unkompliziert eben!

 

Die halbe Flasche:
Psychologie der Flaschengröße Korken
Egal wie groß die Flasche ist: Der Korken ist immer gleich.

Die halbe Flasche ist etwas für den Kopfmensch. Entweder er hat Angst vor Oxidation: Bloß nicht mehr aufmachen, als man sofort auch wegtrinkt! Wer weiß, was morgen ist? Und am Ende schmeckt der Wein womöglich nicht mehr! Vielleicht sagt sich der Kopfmensch auch: Es gibt unendlich viele Weine, bei halben Flaschen kann ich doppelt so viel probieren!

Oder aber er benutzt – ganz gewitzt – die halben Flaschen, um schon einmal vorzufühlen, wie der Wein aus den größeren Gebinden erst viel später schmecken wird. Denn durch das veränderte Verhältnis von Volumen und gleichbleibendem Sauerstoffeintrag reift der Wein in den halben Flaschen schneller. In diese mathematische Logik hat sich der Kopfmensch natürlich eingelesen. Man mag einwenden, dass es manche Weinarten sowieso nur in halben Flaschen gibt, etwa Trockenbeerenauslesen oder Eiswein. Aber widerspricht das der Philosophie des Kopfmenschen? Nein, es bestätigt sie natürlich!

 

Psychologie der Flaschengröße Dortmund Wein Anbau
Dortmund, ich komm aus dir: 100 Reben am Phoenix-See.
Die Halbliterflasche:

Auf diese Gebindegröße steht der Geschichtenerzähler. Da kommen seltene Spezialitäten rein, mit Kräutern versetzter Wein etwa. Oder Gewächse aus Gegenden, in denen normalerweise gar kein Weinbau stattfindet. Allein schon, weil die Mengen gering sind. Vielleicht auch, weil es noch mehr um die Aussage geht als um den Inhalt. Weine aus Dortmund: Kommen in einer Halbliterflasche. Wein vom Montmartre: Ebenfalls. Riesling aus Berlin-Pankow: Halbliterflasche. (siehe Weinbau in der Stadt)

Bermet Vojvodina Serbien Halbliterflasche
Rarität in der Halbliterflasche: mit Kräutern und Gewürzen aromatisierter Bermet aus der Vojvodina.

Diese Flaschengröße schreit schon: Achtung, hier gibt es Gesprächsbedarf! Spätestens beim Blick auf das Etikett entspinnt sich dann mit Sicherheit eine Diskussion. Über Nischenprodukte, den Klimawandel, Lokalmatadore. Über was auch immer. Der Wein als Getränk wird da schnell zur Nebensache. Oder wird gar nicht erst aufgemacht. So dass er noch weitere Male für Gesprächsstoff sorgen kann.

 

Die Literflasche:

Das ist die Buddel für den Sparfuchs. Der, seit das gesetzlich vorgeschrieben ist, beim Einkaufen auf den Preis pro Liter schaut und dann das relativ günstigste Gebinde nimmt – hier kostet die Normabweichung interessanterweise nicht extra. Motto des Literflaschenkäufers: Ich bin doch nicht blöd und zahl drei Euro mehr auf den Liter, nur weil die kleinere Packung irgendwie niedlicher aussieht. Nachvollziehbare Position.

Literflasche großes Glas Wein
Wein aus großen Flaschen muss nicht aus großen Gläsern getrunken werden.

Beim Wein liegt die Sache allerdings ein klein wenig anders. Weil nämlich der Wein, der in die Literflaschen kommt, normalerweise nicht auch in andere Flaschengrößen kommt. Sondern allenfalls in den Weinschlauch, neudeutsch: Bag in Box. Zwar wirbt gerade ein Weinhändler mit „maximalem Genuss zu minimalen Preisen“ für die etwas unförmigen Literflaschen. Im Kleingedruckten ist dann von „Schoppenweinen“ die Rede, was nicht ganz so maximal klingt. Das ficht aber den Sparfuchs nicht an. Ich zahl weniger und krieg noch einen Viertelliter mehr, mag er sich sagen. Da kann man natürlich nicht widersprechen.

 

Die Magnum:
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Vorfreude ist die schönste Freude, auch für den Hedonisten.

Die 1,5-Liter-Pulle ist was für den Hedonisten. Auf die Frage nach dem Warum in einem Münchner Restaurant, das offenen Wein nur aus Magnumflaschen ausschenkt, bekamen wir zwar zur Antwort: Das gibt weniger Glasmüll. Leider muss man hier jedoch sagen: Thema verfehlt. Der Magnum-Käufer ist derjenige, der teuren Wein kauft. Der den teuren Wein lange weglegt. Und noch länger davon erzählt, dass der Wein in der Magnum-Flasche langsamer reift und deswegen besonders lang weggelegt werden kann, ja muss. Wenn er ihn dann nach jahrelanger Geduld endlich aufmacht, schwärmt er davon, wie frisch der Wein doch noch sei. So als sei das der Zweck der langen Reifung gewesen. Aber das ist natürlich böse, denn natürlich hat der Wein gewonnen, irgendwie. Ohne jedoch – Achtung – müde zu wirken. „Die Magnum“ ist die Spielwiese des Hedonisten.

Psychologie der Flaschengröße: Bei 0,75 Litern unmöglich
Bocksbeutel alter Wein Silvaner
Standardgröße, aber nicht Standardform: fränkischer Bocksbeutel.

Bei der Standardgröße versagt die Psychologie der Flaschengröße. Zu groß ist die Kohorte der Käufer. Denn die überwältigende Mehrheit der Weine kommt in der Dreiviertelliterflasche. Warum eigentlich? Oft wird gesagt, dass es die ideale Portionsgröße für zwei Personen wäre. Allerdings ist man nicht immer zu zweit und trinkt auch dann nicht unbedingt zwei Gläser. Oder hat sich dieses Maß einfach eingepasst in andere Maßgrößen? Ein Bordeaux-Barrique ergibt 300 Flaschen zu einem Dreiviertelliter (siehe Weinbuchbesprechung IV). Aber natürlich hätte man den Inhalt des Barrique auch in 225 Literflaschen umfüllen können. Oder in 450 Halbliterflaschen.

Psychologie der Flaschengröße Standard Weinflasche Dreiviertelliter 0,75 l
0,75 Liter: In dieser Portion wird Wein fast immer abgefüllt.

Womöglich hat die Ästhetik einen größeren Anteil, als man denkt: So wie ein Airbus A380 gerade vornerum doch ziemlich aufgedunsen wirkt, so geht einer Literflasche auch ein wenig die Leichtigkeit flöten: dicker Bauch, schmaler Hals. Und die halbe Flasche – gerade in der Schlegelform – ernstzunehmen, fällt auch nicht jedem leicht. Die Dreiviertelliterflasche hat schon tolle Proportionen. Fünf Zentiliter mehr oder weniger würden daran wohl kaum etwas ändern. Aber mit 0,75 multipliziert es sich ein bisschen leichter. Wer in seinem Keller noch eine verstaubte Weinflasche mit 0,7 Litern Inhalt findet, braucht sich übrigens nicht zu wundern. Die 0,75 Liter sind, wer hätte es gedacht, einer EU-Norm geschuldet. Die trat 1977 in Kraft. Die Psychologie der Flaschengröße entfaltet sich aber sowieso jenseits der Norm. Darauf einen Piccolo!

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