Weinprobierzentrum La Caborde Jura Orbagna

Wo geht’s hier zum Weinprobierzentrum?

Ein Haus, viele Winzer: Probierzentren ermöglichen in Südeuropa häufig einen ersten Eindruck von der Weinregion. In Deutschland hat sich das Konzept bisher kaum durchgesetzt.

Weinprobierzentrum La Caborde Jura Orbagna
Für die erste Übersicht: La Caborde im französischen Jura.

Der markante Bau von „La Caborde“ ist von der Landstraße aus nicht zu übersehen: Als wäre ein Ufo hier gelandet, ragt der Kubus mitten auf der Wiese empor. Eine „Caborde“, so nennt man hier im französischen Jura die kleinen Steinhäuschen, wie man sie im Weinberg einst zum Verstauen von Werkzeug errichtet hat. Auch wenn das Gebäude in Sichtweite des kleinen Orts Orbagna mitnichten an jene Verschläge erinnert, geht es aber durchaus um Wein und Weinbau in der „Aire viti-culturelle“, als die man sich bezeichnet. Eine Übersetzung des Ausdrucks fällt schwer: Weinkulturelle Einrichtung wäre das Wörtlichste, Weinprobierzentrum trifft es inhaltlich besser. Aber gibt es überhaupt ein deutsches Pendant? Doch dazu später.

Mit Chipkarte zapft der Besucher selbst
Weinprobierzentrum La Caborde Axelle Locatelli
Axelle Locatelli vor Weinreben und Weinprobierzentrum.

Am Gebäude selbst steht gar nichts von Wein, stattdessen an einer Seite „Office de tourisme“. Es muss wohl etwas mit Bürokratie zu tun haben, dass Axelle Locatelli, die hier die Besucher herumführt, erklären muss: „Dass hier auch Weine verkostet werden können, dürfen wir draußen nicht dranschreiben.“ Aber genau darum geht es: Hier kann sich der Besucher über die lokalen Weine informieren, sie probieren und kaufen. 24 Erzeugnisse, die alle aus dem Umkreis von zehn Kilometern stammen, stehen in Ausschanksystemen bereit. Auf eine Chipkarte lädt sich der Besucher einen überschaubaren Betrag und schon kann er sich an den Geräten von den Weinen seiner Wahl einen Probeschluck zapfen.

Weinprobierzentrum La Caborde Jura Wein probieren
„Vin ouillé“, „vin typé“ oder gleich einen Vin jaune? In La Caborde kann sich der Besucher einen Überblick verschaffen.

Das ganze Appellationsgebiet Côtes du Jura bildet das Zentrum nicht ab. Das ist nachvollziehbar, denn es ist das langgezogenste und zerklüftetste der vier Untergebiete im französischen Jura. Hier die Winzer einzeln aufzusuchen, ist mühsam. Einige Weingüter halten nicht einmal eine Internetpräsenz vor. Und auch wer Aufwand und kurvige Straßen nicht scheut, steht insbesondere während der Sommermonate dennoch oft vor verschlossener Tür.

Weinprobierzentrum und Winzerbesuch ergänzen sich
vin jaune fass hefe schicht schleier Jura
Die „vins typés“ reifen unter einem Hefeschleier heran, so etwa der berühmte Vin jaune.

Wenn es klappt, bietet der Besuch eines Weinguts natürlich seinen ganz eigenen Reiz. Für einen ersten Überblick ist ein Weinprobierzentrum aber allemal eine tolle Sache. Wer hier eintritt und sich durchprobiert, versteht bereits eine ganze Menge nicht nur hinsichtlich der lokalen Weine, sondern – im Fall von La Caborde – vom Jura-Wein ganz allgemein: Dass man hier besser die roten vor den weißen Weinen probiert, weil die weißen meist markanter ausfallen. Dass die weißen immer unterschieden werden in solche, die unter einem Hefeschleier herangereift sind („vins typés“) und solche, bei denen dies durch das Auffüllen des Holzfasses vermieden wurde („vins ouillés“). Und natürlich bekommt man auch einen Vin Jaune, den nussig-hefigen Paradewein der Gegend, sowie die Spezialitäten Macvin, ein mit Trester aufgespriteter Most, sowie einen Vin de Paille, den intensiven Süßwein aus getrockneten Trauben.

Die Winzer stehen selbst im Laden
Maison du Cru Fleurie
Auch im Beaujolais schätzt man das Weinprobierzentrum.

Weniger auffällig und auch weniger aufwändig, aber mit vergleichbarer Idee präsentiert sich die „Maison du Cru Fleurie“. Fleurie ist der Name der Ortschaft und gleichzeitig Namensgeber einer der zehn Cru-Appellationen im Beaujolais, also der Anbaugebiete, die hier die Spitze der Qualitätspyramide bilden. Einer der etwa 30 Winzer, die die Maison führen und deren Produkte im Probierzentrum bereit stehen, empfängt hier immer selbst die Touristen. Jeden Tag stehen vier Weine zur Verkostung bereit. „Die Maison sieht sich als Verkaufskanal und Schaufenster“, erklärt einer von ihnen, Bruno Coperet von Domaine de Roche-Guillon. Im Zentrum des touristisch recht gut erschlossenen Ortes gelegen, kommt hier nämlich auch Laufkundschaft vorbei. Zwar kann man nicht alles probieren, aber immerhin einen kleinen Eindruck bekommen. Und wer einen Wein der Appellation Fleurie kaufen möchte, ist hier allemal gut aufgehoben, repräsentiert die Einrichtung doch rund die Hälfte der lokalen Weingüter. (siehe auch Beaujolais zwischen allen Welten)

La Madone Fleurie
La Madone: Das Wahrzeichen des Ortes Fleurie.
Ein gemütliches Bistrot als Winzer-Repräsentanz

Ein Sprung nach Italien. Im Chianti-Classico-Gebiet, im Zentrum des hübschen Weinorts Panzano liegt das Lokal „Il Cardo“. Im Untertitel nennt es sich auch „Ritrovo dell’Unione Viticoltori di Panzano“, also Zentrum des örtlichen Winzerverbandes. Wenn man durch die Eingangstür tritt, präsentiert es sich vor allem als gemütliches Bistrot, in dem man toskanische Spezialitäten wie Wildschweinragout, Pecorinokäse

Weinprobierzentrum Panzano Il Cardo
Das Il Cardo ist der Knotenpunkt der Winzer aus Panzano in Chianti.

oder natürlich Salami bestellen kann. Aber eben auch Wein spielt hier eine große Rolle. Mittels des gleichen Ausschanksystems wie in La Caborde, bei dem die angebrochenen Flaschen durch Stickstoff vor Oxidation geschützt werden, wird die beeindruckende Anzahl von 32 Weinen offen angeboten. Das Konzept hat den besonderen Reiz, dass die Weine in Kombination mit passenden Speisen probiert werden können. Außerdem bietet der Rahmen auch atmosphärisch einen ganz anderen Zugang. Flaschenwein kaufen kann man hier freilich auch. Und einmal im Jahr findet direkt vor der Tür des Lokals das Weinfest „Vino al Vino“ statt, bei dem die Winzer selbst an den Ständen den Gästen einschenken. (siehe dazu auch Der Weinort Panzano in Chianti)

Weinprobierzentrum Ritrovo Il Cardo Panzano
Hier werden Sie geholfen: im „Ritrovo“ der Winzer von Panzano.
Deutschland sucht das Weinprobierzentrum

Und in Deutschland? Es fängt schon damit an, dass ein passender Begriff nicht verfügbar scheint. Unter Weinprobierzentrum jedenfalls wirft die Suchmaschine nichts aus. Die Alte Wache, das Haus der badischen Weine in Freiburg, scheint eine der Ausnahmen zu bilden. Getragen wird die Einrichtung von zahlreichen Winzergenossenschaften, Weingütern und der Stadt Freiburg. Letzteres ist bemerkenswert, da anscheinend zumindest hier im Südwesten der Lokalpolitik der Gedanke gekommen sein muss, dass es bei Wein und Tourismus durchaus Synergien zu heben gibt. „Wir sprechen vor allem Tagestouristen an“, sagt Geschäftsführerin Alixe Winter. 120 Weine aus den angrenzenden badischen Untergebieten Kaiserstuhl, Tuniberg, Markgräflerland, Breisgau und Ortenau können in der Alten Wache entgeltfrei verkostet werden. Wer nur auf Kurzbesuch ist, wird das schwerlich über Winzerbesuche abdecken können.

Il Cardo Panzano enomatic
Im Il Cardo lassen sich per Ausschanksystem die Weine der ortsansässigen Winzer glasweise probieren.

Viele Besucher würden überhaupt erst merken, dass sie sich in einer Weinbauregion befinden, wenn sie in der Alten Wache eintreten, sagt Winter. Die Einrichtung liegt zentral am Münsterplatz und verfügt neben dem Probier- und Verkaufsraum auch über eine bewirtschaftete Terrasse. Warum man in Deutschland solche Probierzentren wie die Alte Wache fast vergeblich suchen muss, wundert Winter auch. Von den praktischen Vorteilen abgesehen gebe es nämlich auch durchaus Touristen, die niemals ein Weingut besuchen würden. „Manche haben doch dort das Gefühl: Ich muss was kaufen, ob ich will oder nicht. Und ich muss mich outen, dass ich von Wein eigentlich keine Ahnung habe.“

Markgraeflerland Freiburg Wein probieren
Das Markgräflerland bei Freiburg: Zumindest in Südbaden findet der Genießer in Deutschland ein Weinprobierzentrum vor.

4 Kommentare

  1. Bei uns im ahrland Dankos Weinladen in Bad Neuenahr bieten wir bereits seit 22 Jahren täglich über 50 Weine aus dem Anbaugebiet Ahr kostenlos zum Probieren an, eine fachkundige Beratung inklusive.
    So ganz neu ist so ein Weinprobierzentrum somit nicht, vielleicht etwas größer aufgezogen!

  2. Danke für den Tipp der Enoteka in Panzano. Schade nur, dass ich erst jetzt diesen Artikel gefunden habe, nachdem ich vor kurzem in der Toskana war und ein Lokal wie das Il Cardo gesucht hatte.

  3. In Rüdesheim am Rhein kann man seit einiger Zeit in der „Rhein-Wein-Welt“, auf dem ehemaligen Asbach Gelände , in den original mit Glaskacheln verkleideten, begehbaren Weintanks Weine aus Dispensersystemen selbst zapfen .
    Über 165 Stromkilometer, von Nierstein bis Königswinter verteilt, liegen die 76 Weingüter der Winzer, deren Weine man in den Tanks spielerisch verkosten kann.
    Ausserdem gibt es eine kleine angeschlossene Gastronomie.
    Also auch hier ein Weinprobierzentrum, auch wenn es nicht so geannt wird.

  4. Die Enoteca Falorni in Greve hat ebenfalls das beschriebene System. Diese ist aber als Touristenfalle verschrien. Leider zurecht.

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