Albanien getrocknete Tomaten

Albanien: Über allen Reben ist Ruh

Alles auf eine Sorte gesetzt
Albanien Kallmet Prestigj
Im Zeichen der Shën Eufemia: Kallmet Prestigj.

Man muss schon ein bisschen den Eingang des von außen wenig schmucken Gebäudes suchen, aber innen empfängt einen angenehme Kühle und – Gelassenheit. Die passt bestens zu dem Weingutsbesitzer, als wäre das seine persönliche Lektion aus der bewegten Geschichte seines Landes. Ohne auf die Uhr oder aufzuschauen, wenn zwischendrin der Strom kurz ausfällt, erzählt er fort in geschliffenem Englisch. Und als hätte man nicht schon verstanden, dass er diese Rebsorte liebt, schenkt er sich Kallmet nach. Vom älteren Jahrgang 2017, davon hat er nur noch ein paar Flaschen ohne Etikett für den Eigenbedarf. Der Wein duftet nach Felsgestein, Gewürz, etwas Cassis, balsamischen Noten. Nimmt man einen Schluck, erinnert der feingliedrige, aber wärmende Rote an Holunder. Gjokes Prestigewein aus der Sorte heißt einfach Prestigj, und der 2018er leuchtet rubinrot mit einem schon leicht granatroten Rand. Er duftet würzig, nach dunklen Beeren und geschwenkt auch etwas fleischig. Am Gaumen gefallen rote und schwarze Kirschen, dunkle Beeren. Das ist ein kräftiger Wein, der aber von einem Quantum Säure und einem stabilen Tannin zusammengehalten wird und der leicht gekühlt besonders gut mundet. Der weiße 2019er Kallmet funktioniert mit seinen fruchtigen, aber auch vegetabilen und floralen Noten sowie leichter Phenolik auch gut als Essensbegleiter.

Von Löwen und Schildkröten
Albanien Shën Eufemia Kapelle
Erhabener Ort: Bei der Kapelle der Shën Eufemia.

Zum Abschied gibt Gjoke noch einen Tipp: Hinauf zur kleinen Kapelle zu fahren, die Shën Eufemia, der Heiligen Euphemia, gewidmet ist. Die hat Gjoke auf dem Etikett des Pestigj-Kallmet abgebildet. Euphemia soll, wie Daniel in der Löwengrube, von den wilden Tieren verschont worden sein. Ein Wink, dass es das Schicksal trotz aller Herausforderungen gut meinte mit Gjoke? Gut gemeint war auf jeden Fall sein Vorschlag, denn oben angekommen hat man einen wunderschönen Blick auf die von Bergen umfasste Ebene. Und die Kapelle, in deren Mitte eine Quelle sprudelt, wirkt im Wortsinn wie eine Oase. An diesem heißen Nachmittag hat kein anderer die Idee gehabt, das steile und kurvige Sträßchen hinaufzufahren. Ein bisschen wie entrückt fühlt man sich in dieser Höhe und Einsamkeit. Noch in dieser Stimmung, taucht auf der Rückfahrt plötzlich eine Schildkröte auf der Fahrbahn auf: Traum oder Wirklichkeit? Als wenige Minuten später ein weiteres Tier über die Straße wankt, die Bestätigung: Man hat richtig gesehen.

Albanien: Strandleben
Albanien Weingut Kokomani
Weingut Kokomani: Blick bis zum glitzernden Meer.

Etwa 100 Kilometer weiter südöstlich, an der Adria-Küste bei Durrës, ist im Sommer einiges los. Bei der Hitze zieht es naturgemäß viele Menschen an den Strand. Außerdem Liegen-Vermieter hier, Partymusik da, fliegende Händler, die Fettgebackenes, aufblasbare Einhörner oder Badelatschen anbieten. Stammt ein Teil der unzähligen Schlappen, die kurz hinter der Wasserlinie in Reih und Glied aufgereiht stehen, aus ihrer Kollektion? Wie auch immer: Der Sand ist zu heiß, um ihn barfuß zu durchqueren. Und das Wasser so warm, als wollte es selbst den Frostbeulen ein Angebot machen: Auch wer nur bis zur Hüfte darin stehen und plaudern will, fängt nicht an zu frieren.

Weingut Kokomani

Wer dagegen eine Pause vom Strandtrubel sucht, findet Alternativen. Bloß ein wenig in die Hügellandschaft ins Hinterland, und es wird ungleich ruhiger. Dort steht auf einer Kuppe das Weingut Kokomani. In der Kelterhalle sind die Fenster geöffnet: Der Blick geht bis zum Meer. Aber wichtiger noch, eine kühlende salzige Brise weht herein. Ein bisschen fühlt man sich an die Sherry-Häuser im heißen Andalusien erinnert, wo abends zur Linderung die Tore Richtung Atlantik geöffnet werden. Gelernt und über zehn Jahre gearbeitet hat Winzer Blerim Kokomani aber in Italien. Seine Augen leuchten bei dem Angebot, in diese Sprache zu wechseln. Im Grunde ein Nachbarland, betrachtet man die Adria mal als das große Verbindende dieser beiden Anrainerstaaten.

Shesh i Zi Kokomani Rotwein
Dafür ist Kokomani bekannt: Rotwein aus der Traube Shesh i Zi.

In Bella Italia hat Blerim auch gelernt, dass authentische Weine zu ihrem Ursprung passen müssen. Daher setzt er stark auf die albanischen Shesh-Sorten. Sein hellgoldener Shesh i Bardhë aus dem Jahrgang 2018 duftet würzig und nach Grapefruit-Zeste. Nimmt man einen Schluck, ist da etwas herbe Frucht, aber auch Kurkuma und sogar Gerbstoff. „Die Herausforderung beim Weißwein sind die hohen Temperaturen während der Lese.“ Aber er arbeitet daran, etwa indem er jetzt die gepflückten Trauben zunächst runterkühlt. So kommt der 2020er, der noch im Fass liegt, deutlich frischer, mineralischer und trinkfreudiger rüber. Sein roter Shesh i Zi aus 2017 ist kirschrot und schmeckt nach reifen Maul- und Brombeeren, hat ein griffiges Tannin und eine milde Säure.

Reben und Oliven
Albanien Kokomani Weinberge
Hier wächst der Shesh i Zi: Weinberge von Kokomani.

Offensichtlich kommen auch andere, viele unter ihnen internationale Gäste gerne hier hoch, genießen die sanfte Brise auf der durch ein Schilfdach beschatteten Terrasse und lassen den Blick über einen glitzernden See und die Weinberge bis zum Meer streifen. Wie bei vielen italienischen Weingütern ergänzen auch hier Ölbäume die Reben. Eine satte Schicht Olivenpaste auf der selbstgebackenen Focaccia, dazu ein Glas Wein, so wird aus dem Sommertag auch noch ein Sonntag. Um das Wohlbefinden der Gäste weiter zu steigern, baut Blerim gerade einen Teil des Kellers um, so dass auch zwischen Holzfässern Weinproben stattfinden können. Die einzige Herausforderung für den Besucher, wer hätte es gedacht, hat wieder etwas mit Autofahren zu tun: Das steile Sträßchen hoch zum Weingut ist das letzte Stück unbefestigt. Ein bisschen beneidet man den älteren Herrn am Wegesrand, ein Esel ist das Transportmittel seiner Wahl. Das wäre wohl die nächste Stufe der Entschleunigung.

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